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Rückblicke
by Magic
Als zehnter Planet kreiste
die Maschinenwelt um einen vier Komma fünf Milliarden Jahre alten
weißen Stern. Die Sonne war von seiner Bahn so weit entfernt, daß
ihre Wärme ihn nicht mehr erreichte. Sie schien nichts weiter zu sein
als einer der vielen leuchtenden Punkte am Firmament. Aber dennoch war
ihr Gravitationsfeld so stark gewesen, den im All umherirrenden Himmelskörper
einzufangen und an sich zu binden.
Vor vielen Äonen
hatte der Planet, den seine Bewohner Cybertron nannten, zu einem ganz anderen
System gehört. Damals war ein roter Zwerg sein Zentralgestirn gewesen.
Doch dann hatte der große Krieg die Welt in ihren Grundfesten erschüttert.
Man hatte die fürchterlichste Waffe der Geschichte geschaffen, und
ihre Wirkung war so verherend gewesen, daß sie den Planeten aus seiner
Unlaufbahn geworfen und ins All geschleudert hatte. Eine Jahrtausende lange
Odyssee durch die Leere hatte somit begonnen.
Seit etwas mehr als
vier Millionen Jahre war Cybertron nun ein Teil des Solsystems und kreiste
noch unbemerkt an dessen Rande. Die Bewohner des dritten Planeten
wußten nicht, daß er da war. Nur wenige äußerten
die Vermutung, daß es noch eine zehnten Planeten geben könnte,
dem sie - nach seiner theoretischen Umlaufbahn jehnseits der des Plutos
- den Namen Transpluto gaben.
Cybertron - eine Welt
aus Metall und Stein. Eine Welt kaum älter als zehn Millionen Jahre
und trotzdem uralt. Revolutionen und Kriege hatten den kleinen Planeten
ausgelaugt. Es gab kaum noch Energie, und was es noch gab, reichte den
wenigen noch existierenden Bewohner gerade so zum Überleben. Ehemals
stolze Städte zerfielen. Banden unterschiedlichster Herkunft
beherrschten die verschiedenen Sektoren, bekämpften sich wegen geringster
Mengen Energons. Die beiden großen Kasten fand man eigentlich nur
noch im Capital District, dem ehemaligen Iacon. Dies war auch der einzige
Ort, wo die Anarchie noch nicht ganz Fuß gefaßt hatte und noch
etwas Ordnung herrschte.
Die Zeiten der großen
Kriege war mit den letzten beiden großen Anführen gegangen.
Und mit ihnen war auch die Hoffnung auf neue Energie und somit auf Überleben
verschwunden.
Zwei künstliche
Monde zogen ihre Bahnen um den Planeten. Man hatte ihnen die reichlich
einfallslosen Namen Mond 1 und Mond 2 gegeben. Beide standen in ihrem maroden
Erscheinungsbild ihrer Mutterwelt in nichts nach. Nummer zwei war jedoch
eindeutig der heruntergekommenere von beiden. Ein recht ungemütlicher
Ort, denn wo einstmals Metalle in ihrer elementaren Form aufgetreten waren,
herrschten sie jetzt in ihren verschiedenen Oxiden und anderen korrisionsbedingten
Verbindungen vor. Stahlkonstruktionen, auf denen vor Urzeiten gewaltige
Sternenschiffe zu landen pflegten, fielen durch bloßes Hinschauen
in sich zusammen. Rost hatte quadratkilometer große Löscher
durch die Oberfläche gefressen und gab den Blick auf völlig verottete
Überreste kybernetischer Technik frei, die gewissermaßen daß
Nervensystem des Mondes gewesen war.
Hier mochte wirklich
kein Transformer leben... Obwohl - nicht ganz... Drei Ebenen tiefer, im
Inneren des Mondes, lebte ein Cybertronian in freiwilligem Exil. Hier,
zwischen Trümmern und Schrott, hatte sich der Autobot Black Jester
sein ganz persönliches, kleines Reich geschaffen. Hier konnten ihn
die ganzen verstaubten Idioten aus Capital District mal gern haben. Die
einzige andere Intelligenz, mit der er sich hier ab und zu herumschlagen
mußte, war Lunatraan 2, der noch funktionierende Hauptcomputer der
Mondbasis. Außerdem kam alle drei bis sechs GAsec sein Kumpel Meph,
ein Raumreisender vom Planeten Elysia, vorbei, der ihn mit Energie und
Neuigkeiten versorgte. Eine Tatsache, hinter die die verbeulten Blechschädel
von Iacon bis heute nicht gestiegen waren.
Black Jester grinste,
legte sich in seinem Sessel zurück, platzierte die Füße
auf der Computerkonsole vor sich und verschränkte die Arme hinter
dem Kopf. Mit fachmännischem Auge betrachtete er sich die zweidimensionale
Graphik auf dem Monitor.
"Silberspulchen, ich
nehme drei und erhöhe um fünf Cubes", sagte er und kaute dabei
lässig auf einem Stück Kupferdraht.
"Ich behalte, gehe mit
und erhöhe um drei Cubes", antwortete Lunatraans ruhige Frauenstimme.
"Okay, ich will sehen",
meinte der Autobot. "Ich habe vier Asse und 'ne Dame. Was hast du mir zu
bieten?"
"Royal Flush", antwortete
der Computer, während er die Bildschirmgraphik so veränderte,
daß der schwarze Roboter an der Konsole die Karten sehen konnte.
"Du schuldest mir jetzt 325,2 Cubes..."
"Goldkondensatorchen,
langsam glaub' ich, du schummelst", seufzte Black Jester und grapschte
abwesend nach seinem breitkrempigen Hut, einem Geschenk von Meph.
"Negativ", widersprach
Lunatraan. "Du bist nur ein lausiger Pokerspieler. Ich hoffe, du hast deine
Urteile damals nicht nach dem selben Prinzip gefällt, nachdem du deine
Karten auwählst."
Der Autobot knurrte
leicht verärgert. Lunatraan machte sich wieder einen Spaß daraus,
ihn an seine Vergangenheit zu erinnern. Damals hatte er noch Judge Brave
geheißen und war oberster Richter am Gerichtshof von Iacon gewesen.
Damals hatte er noch an das Prinzip von Recht und Gerechtigkeit geglaubt,
bis zu dem Zeitpunkt, an dem er dahinter gekommen war, daß immer
wieder durch Gerichtsangehörige Zeugen gekauft und Indizien gefälscht
worden waren. Er hatte somit, wenn auch unwissentlich, nach Willen des
Systems Angeklagte unverdient verurteilt oder freigesprochen. An diesem
Tag hatte die weise Limousine Judge Brave für immer den Gerichtshof
verlassen. Kurze Zeit später war aus dem Nichts ein schwarzer Sportwagen
aufgetaucht, ein Krieger, der sich Black Jester nannte. Tja, und Lunatraan
war die einzige, die das kleine Geheimnis dieses Transformers kannte.
Abgesehen natürlich von Trystarr, dem alten Gauner, der ihn umgebaut
hatte.
"Wie wär's mit
noch einem Spielchen?" fragte der Computer, während sie auf dem Monitor
bereits wieder die Karten mischte.
In diesem Monment gab
es einen dumpfen Schlag und das Licht ging aus.
"Was ist jetz los?"
meinte Black Jester verplüfft.
"Energieleitung Delta
wurde in Sektor C 12, Ebene fünf, unterbrochen", kam Lunatraans prompte
Meldung.
"Ebene fünf?" machte
ihr Gesprächspartner ungläubig. "Das ist ja ganz im Zentrum!"
"Positiv", bestätigte
der Computer.
"Das dauert ja MAsec
bis ich mich durch den Schrott da unten durchgebuttelt habe", stöhnte
der schwarze Autobot. "Oh, Ausstoß!"
"Technische Defekte
sind kein Grund, ausfallend zu werden!" Lunatraans sonst so gelassene Stimme
klang leicht pikiert.
"Oh, Platinplatinchen",
erwiderte Black Jester daraufhin mit Dackelblick. "Es ist nun mal A..."
"Black Jester!"
Er grinste und schwang
sich von seinem Sessel. Mit geübter Geste rückte er seinen Hut
zurecht und machte sich auf den Weg. Er humpelte etwas, sein linkes Knie
war steif - eine alte Kriegsverletztung. Er hätte sie sich mehr als
einmal reparieren lassen können. Aber trotz Drängen einiger Medics
hatte er darauf verzichtet, dieses Souvenier wollte er behalten.
Er bahnte sich seinen
Weg durch den Schutt eingebrochener Decken und zerfallener Wände,
wülte sich durch diverse, nutzlos herunterhängende Kabelgespinste
und stolperte über halb verrostete Rohre, die einfach im Weg lagen.
Black Jester war der
einzige, der von sich behaupten konnte, einen Materie-Antimaterie Blast
aus Megatrons Fusionskanone überlebt zu haben. Mit dreihundert Kriegern
hatten sie die Stadt Sidar gegen den Decepticonangriff verteidigt. Es hatte
schon so ausgesehen als würden die Verteidiger siegen, denn
bis auf den Decepticonleader und den Transformer namens Soundwave hatten
sich die Angreifer bereits zurückgezogen. Doch dann hatte Megatron
zum alles vernichtenden Schlag ausgeholt. Dreihundert weibliche und männliche
Autobots waren im Höllenfeuer umgekommen. Von Sidar war nur noch ein
riesiger Klumpen geschmolzenes Metall übriggeblieben. Zweihundert
KAsec später hatten die Rettungstrupps Black Jester dann mehr
tod als lebendig zwischen den Gefallenen gefunden.
Zwei Andenken hatte
er sich aus diesen Tagen behalten, das steife Knie und das Wissen um Megatrons
schwachen Punkt. Er wußte, warum der Decepticonleader seine Truppen
zurückgeschickt hatte bevor er schoß. Er wußte, warum
dieser im allgemeinen den Antimaterieblast vermied. Die größte
Stärke des Schlackenmachers war auch seine größte Schwäche.
Black Jester hatte niemals jemandem verraten, was er damals gesehen hatte.
Warum auch..? Es ging schließlich keinen was an.
Hier unten war es nicht
nur dunkel, es herrschte absolute Finsternis. Er dankte Vector Sigma, daß
er ihn mit Infrarotsicht ausgestattet hatte.
Manche Gänge waren
absolut unpassierbar. Schrott von jahrmillionen blockierte sie, und es
würde wahrscheinlich genauso lange dauern, sie wieder freizuräumen.
Black Jester mußte also immer wieder Umwege machen, um zu seinem
eigentlichen Ziel zu kommen.
Er fluchte, als ihm
ein Gewirr von verrosteten Stahlträgern schon wieder den Durchgang
blockierte. Aber diesmal war die Beschehrung nicht so schlimm als daß
man sie nicht hätte entfernen können. Also fing er an, die korridierten
Elemente zur Seite zu räumen. Rost bröckelte ab und staubte über
die Oberfläche des Transformers.
"Na, hoffentlich ist
das nicht ansteckend..." seufzte der Autobot.
Manchmal kam ihm der
Gedanke, daß es ein Fehler gewesen sein könnte, sich auf diesem
Schrottplatz hier oben zu vergraben. Aber erstens sah es auf dem Planeten
nicht viel besser aus und zweitens hatte er seine Ruhe von dem ganzen pathetischen
Ausstoß, den er nicht mehr hören konnte: die Decepticons sind
böse, weil sie das Universum erobern wollen, und die Autobots heroisch,
weil sie die Decepticons daran hindern wollen, es zu tun. Decepticons sind
verlogen, Autobots ehrlich. Das war wohl der größte Selbstbetrug
in der Geschichte seiner Kaste. Im Endeffekt ging es für beide Seiten
nur um die Macht. Jeder wollte, daß seine eigene Ideologie als die
einzig wahre zählte. Waren die Decepticons da im Grunde nicht viel
ehrlicher? Sie sagten doch ganz offen, was sie wollten - die absolute Macht.
Sie glorifizierten ihre Handlungen nicht als selbstloses Tun.
Ja, Black Jester war
Autobot, aber das lag nur an seiner Herkunft. Er besaß eine
Art persönlichen Ehrenkodex und dazu gehörte nun auch mal Loyalität
gegenüber seiner Kaste. Wahrscheinlich hatte er seinen Kodex nur deshalb
nicht gebrochen, weil er den anderen seit drei Millionen Jahren möglichst
aus dem Weg ging...
Er hebelte einen verkeilten
Träger mit einem anderen aus seiner Position.
Nun mal ganz ehrlich.
Genaugenommen war es ausstoßmäßig egal ob ein Transformer
Autobot oder Decepticon war. Es gab auf beiden Seiten coole Typen und dämlich
Blechköpfe, die nicht mehr alle Bauteile auf der Platine hatten. Sie
unterschieden sich doch eigentlich nur durch die Farbe ihres Wappens voneinander.
Black Jester lehnte
sich an die Wand und wischte sich den Roststaub aus der Stirn.
Mit etwas Wehmut dachte
er an seinen Kumpel Bumper, einen kleinen, blauen Decepticontransporter,
den er vor hundertausend GAsec in den verlassenen Ebenen von Tarn kennengelernt
hatte. Nun das Kennenlernen war auf die damals übliche Art erfolgt:
man hatte einander gesehen, sich in die nächstmögliche Deckung
geworfen und das Feuer eröffnet ohne - wie so oft - den jeweils anderen
überhaupt zu treffen.
Black Jester fragte
sich ernstlich, wie die Weiber es immer schafften, daß bei ihnen
praktisch jeder Schuß ins Schwarze ging...
Wie auch immer, gegenseitig
hatten sie sich nicht verletzt, wohl aber wurde dem Boden, auf dem sie
standen, die Ballerei zuviel. Gemäß dem Motto "Der Klügere
gibt nach" war er mit samt den Kontrahenten darauf zusammengebrochen. Dreißig
Meter tiefer hatte ihr Sturz geendet - in einem Paradies! Ein vergessenes
Lager voll von AY 327, dem wohl hochwertigsten Energon, daß Cybertron
je hervorgebracht hatte. Angesichts der wundervoll bläulich schimmernden
Cubes hatten Bumper und Black Jester sich entschieden, ihr Duell auf später
zu verschieben. Später waren sie allerdings nicht mehr in der Lage
gewesen, überhaupt noch eine Waffe zu halten. Sie hatten ja schon
Probleme gehabt, sich selbst überhaupt auf den eigenen Beinen zu halten.
Singend und schwankend waren sie schließlich zu der Übereinkunft
gekommen, sich nach neunzig KAsec wieder an der selben Stelle zu treffen,
um ihr Duell endlich auszutragen. Da jedoch noch AY 327 da war, hatte die
Sache wieder damit geendet, daß man daß man den Privatkrieg
verschieben mußte. Die Prozedur war solange weitergelaufen, bis das
Lager endlich leergetrunken gewesen war. Daraufhin hatte man das Schlachtfeld
in Collector's Energy Station verlegt, einer kleinen Insiderkneipe in Lower
Iacon. Bedauerlicherweise war Bumper 2,5 MAsec später bei einem Angriff
auf einen Außenposten am Rande der großen Ebene gefallen...
Endlich, Black Jester
hatte es geschafft, der Weg nach Sektor C12 war frei. Bereits von hier
aus konnte er die Beschehrung sehen, denn aus der defekten Starkstromleitung
sprühte ein wahrer Funkenregen. Der Autobot aktivierte seinen Communikator.
"Luna, Titaniumherzchen,
ich habe das Problem gefunden", meldete er dem Computer. "Die Kernwand
ist gerissen und die Decke hatte keinen Halt mehr. Eine der Abdeckungen
hat die Leitung sauber durchtrennt. Wird keine größere Sache,
das zu reparieren."
"Ausgezeichnet", antwortete
Lunatraan.
"Du hörst dich
schon an wie Megatron, Platinplatinchen..."
"Irrelevant", erwiderte
der Computer und klang dabei doch tatsächlich etwas beleidigt.
Black Jester grinste
und machte sich an die Arbeit. Die Kabel lagen soweit frei, er mußte
sie nur wieder miteinander verlöten und abisolieren.
"Goldkondensatorchen."
Der Autobot aktivierte wieder seinen Communikator. "Kannst du die Zuleitung
von Ebene C stoppen?"
"Positiv", kam es aus
dem Lautsprecher. Kurz darauf hörte der Funkenregen auf.
Black Jester holte die
Melter Omicron aus der Ladekammer in seinem linken Oberschenkel. Die Energiewaffe
wurde sofort größer als sie aus dem Einflußbereich des
Gamma Tetron Feldes geworfen wurde.
"Welch eine Karriere",
grinste der Transformer während er die Stärke des Dauerimpulses
regulierte. "Vom Richter über den Hofnarren zum Elektriker. Hab' ich
schließendlich doch noch einen anständigen Beruf gefunden..."
Es dauerte kaum zwei
KAsec, da hatte er den Schaden mit Geschick und Improvisationstalent behoben.
Lunatraan konnte wieder Saft auf den Stromkreis geben.
Black Jester deaktivierte
seine Melter und packte sie wieder in die Ladekammer. In diesem Moment
stutzte er verplüfft. Ein schwacher, bläulicher Schimmer
erhellte noch immer den Gang. Erst hatte er geglaubt, der Lichtbogen seiner
Waffe wäre für den Schein verantwortlich. Jetzt fiel ihm auf,
daß das Licht aus dem Riß in der Kernwand drang.
"Lunaschatz, hier leuchtet
was", meldete er dem Computer.
"Ist dir endlich ein
Licht aufgegangen?" kam es zurück.
"Ich meine es ernst.
Im Kern leuchtet was."
Er näherte sich
vorsichtig dem Riß. Seltsame Töne waren plötzlich in seinem
Kopf. Sie schienen zu einer Melodie zu gehören. Das Orchester war
dabei anscheind jedoch die zeitliche Abfolge der Noten durcheinandergebracht
zu haben. Das Lied ging vorwärts, rückwärts und manchmal
schien das ganze Stück auf einmal zu hören zu sein.
"Jester, was ist los?
Dein Link sagt mir, daß deine cerebralen Ströme atypische Muster
annehmen..."
"Bei Vector Sigmas sämtlichen
Kristallspeichern", flüsterte Black Jester als er den in blaues Licht
gehüllten Tornister sah. "Das Ding muß noch von den Fünfgesichtern
stammen, von denen Trystarr erzählt hat."
"Black Jester! Meldung!
Bitte..." hörte er Lunatraans besorgte Stimme aus dem Lautsprecher
des Kommunikators. "Deine celebralen..."
"Alles klar, Chromglanz
meiner verrosteten Tage, ich bin okay", beruhigte er sie, während
er den Spalt vergrößerte, um das Fundstück überhaupt
erreichen zu können. "Ich habe hier einen antiken Datentornister gefunden,
völlig unbeschädigt. Scheint aus einer kristallinen Verbindung
zu sein."
"Antik? Was meinst du
damit."
"So wie der Kern aussieht,
steht das Ding hier drin seit die Basis gebaut wurde..."
"Das wären mehr
als dreitausend GAsec", unterbrach ihn Lunatraan. "In was für einem
Zustand befindet er sich?"
Da er es noch nicht
erreichen konnte, zoomte Black Jester das Objekt optisch näher.
"Topzustand, kann keine
Beschädigungen sehen", antwortete er.
"Unmöglich", widersprach
Lunatraan.
Der Autobot seufzte.
"Energonwürfelchen,
wenn ich's dir doch sage..."
"Jester, nach dreitausend
GAsec hinterläst der Entropieeffekt bei jedem Material Spuren."
"Das ist mir klar",
antwortete der schwarze Transformer, der den Spalt jetzt soweit verbreitert
hatte, daß sein Torso hindurchpaßte. "Ich nehme an, das bläuliche
Feld hat dem Effekt entgegengewirkt. Ich hol das Ding jetzt raus..."
"Halt!" warnte Lunatraan.
Black Jester erstarrte
erschrocken.
"Was hast du den jetzt
schon wieder?" fragte er zögernd.
"Sagtest du, ein bläuliches
Feld?" wollte der Computer wissen.
Er verzog leich irritiert
die Miene.
"Ich erinnere mich,
etwas derartiges gesagt zu haben", begann er langsam.
"Erscheint der Gegenstand
intervallweise leicht durchscheinend, sozusagen irreal?" fügte Lunatraan
ihrer Befragung hinzu.
"Jaaa..." antwortete
ihr Gesprächspartner und rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Dann faß' den
Tornister unter keinen Umständen an!" warnte Lunatraan.
"Könntest du dich
mir bitte erklären, mein Titaniumtransistorchen..."
"Die Daten, die du mir
gegeben hast, in Zusammenhang mit deinen celebralen Mustern, weißen
auf ein atemporales Feld hin", erklärte der Computer. "Da du dich
aber in einem Zeitkontinuum befindest, könnte es zu einem gravierenden
Dimenensionsschock kommen."
"Das Ding ist in einem
zeitlosen Zustand. Ich fasse es nicht!" stöhnte Black Jester und stämmte
die Fäuste in die Hüften. "Kannst du mir vielleicht verraten,
was einem so was bringt? Was nützt es, etwas für die Nachwelt
aufzuheben, wenn die Nachwelt es nicht anfassen kann?"
"Du kannst es anfassen,
sobald das Feld deaktiviert ist", widersprach Lunatraan.
Black Jester faßte
es nicht.
"Lunatraan, wie soll
ich das Feld deaktivieren, wenn ich den Tornister nicht anfassen darf?"
"Ich nehme an, es handelt
sich um eine mentale Schaltung..."
"Das hilft mir jetzt
weiter", stöhnte der Autobot.
"Black Jester, darf
ich dich darauf hinweisen, daß du nachweislich einen Psy-Faktor von
sieben hast, einen der höchsten unter den Cybertronians", erklärte
Lunatraan leicht ungehalten. "Laut meiner Datenbank gibt es nur noch zwei
Transformer mit einem equivalenten Wert: Soundwave, der vor mehr als einhundertsechsundzwanzig
Tausend GAsec mit Megatrons Truppen verschwand und Spirit, deren Aufenhaltsort
ebenfalls unbekannt ist."
Mehr scherzhaft wollte
der Autobot darauf hin wissen:
"Gibt es überhaupt
einen höheren?"
"Nur noch Vektor Sigma
mit Faktor fünfhundertdreiundzwanzig", antwortete der Comuter sachlich.
"Das ist nicht mehr
zu überbieten..." seufzte Black Jester ergeben.
"Doch", widersprach
Lunatraan. "Den Chroniken zufolge lag Mother Primes Wert bei siebenhundertvierzehn."
Black Jester sagte nichts
mehr. Statt dessen dimmte er seine optischen Systeme und versuchte sich
nur noch auf den Tornister zu konzentrieren. Ein wirres Farbenspiel tobte
in seinem Zentralspeicher, die seltsame Musik war lauter als zuvor. Er
focusierte seine Gedanken auf die Melodie, er versuchte die Töne in
eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Langsam bekam das Lied Klang,
das wirre Farbenspiel wurde zu einem klaren Bild des Tornisters.
Black Jester löste
sich langsam aus seiner konzentrationsbedingten Anspannung. Seine optischen
Systeme erreichten die ursprüngliche Stärke. Das blaue Feld um
den Tornister war verschwunden.
"Geschafft", seufzte
der Autobot erleichtert.
Wenige Minuten später
flötzte sich Black Jester wieder in seinem guten, alten, schon ziemlich
durchgesessenen Sessel, während Lunatraan die Datenkristalle, die
sie im Inneren des Tornisters gefunden hatten, auszuwerten versuchte. Der
Computer hatte etwas Schwierigkeiten, die altertümliche Maschinensprache
in brauchbare Impulse umzuwandeln. Aber schließlich schaffte sie
es doch und gab die Daten auf den Monitor beziehungsweise den Hologrammprojektor.
Die Abbildungen zweier
nackter, organischer Humanoider erschien im Raum.
Black Jester schob seinen
Hut aus der Stirn.
"Was ist den das?" fragte
er verplüfft.
"Eine Anatomiestudie
der Danjatuenen", antwortete Lunatraan. "Das linke ist ein männliches,
das rechte ein weibliches Mitglied der Spezies."
"Bei derart detallierten
Darstellungen ist das sogar mir aufgefallen", grinste Black Jester.
"Aber nur, weil diese
Spezies die selben geschlechtlichen Merkmale aufweist, wie Cybertronians",
warf Lunatraan. "Verwundert dich das nicht ein kleines Bißchen?"
"In der Tat, mein Energonwürfelchen",
antwortete Black Jester und stützte das Kinn auf die gefalteten Hände.
"Hast du dafür eine Erklärung."
"Den Daten der Kristalle
zufolge waren die Danjatuenen ein technisch hochentwickeltes Volk und...
Großkunden der Quintessons."
"Der Fünfgesichter?"
fragte Black Jester ungläubig.
"Ja, sie bezogen von
den Quintessons kybernetische Diener, Roboter, die sie für die verschiedensten
Aufgaben einsetzten: als Krieger, Hausangestellte, Lehrer und auch für
... diverse andere Dienste."
"Deshalb auch die diversen
anatomischen Übereinstimmungen..." murmelte der Autobot.
"Richtig, die Quintessons
planten ihre metallischen Kreationen in Anlehnung an ihre organische Vorbilder",
bestätigte der Computer. "Sowohl in physischer Hinsicht als auch was
die elementaren 'Instinkte' anbelangt."
Black Jester legte sich
wieder auf seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme vor
der Brust.
"Ich finde, da haben
sie doch recht gut geplant", fand er amüsiert. "Ich kann mich nun
wirklich nicht über meine elementaren 'Instinkte' beschweren. Wenn
ich da an diese süße She-Con in Lower-Tarn denke. Ein tolles
Weib! Die hatte mehr Kurven als das Labyrinth von Dargoon und... einen
rechten Haken wie eine eine Pfahlramme." Er lachte laut. "Es dauerte 11
kAsec bis die Medics Extralarges Kieferplatten wieder im Gelenk hatten!
Tja, sie stand halt mehr auf so einfühlsahme Typen wie mich."
"Einfühlsam wie
ein Dampfhammer", kommentierte Lunatraan kühl. "So wie du immer auf
meiner Tastatur rumhämmerst!"
"Verzeih mir, oh du,
deren kristalline Speicher heller funkeln als die Sterne über Iacon",
flötete Black Jester während er von seinem Sitz rutschte, um
theatralisch mit gesenktem Haupt vor dem Hauptmonitor auf die Knie zu fallen.
Fünf Sekunden Stille.
Jester hob den Blick
und meinte lapidar:
"Sonst noch was Interessantes
auf den Datenträgern?"
"Laut den Berichten
gab es eine Versuchsreihe mit Modellen, die eigene replikative Fähigkeiten
besaßen. Die Produktion wurde aber sehr schnell wieder eingestellt."
"So, warum?" Ihr Gesprächspartner
ließ sich wieder faul in seinen Sessel plumpsen.
"Kypernetische Diener
waren ein lukratives Geschäft. Es wäre unlogisch gewesen, seinen
Kunden die Möglichkeit zu geben, eine eigene 'Zucht' aufzuziehen."
antwortete Lunatraans sanfte Frauenstimme. "Man merkt, daß du kein
Geschäftsmann bist."
In ihren Systemen knisterten
leise die Entladungen, während sie weitere Teile der uralten Informationen
übersetzte.
"Ach du Aus..."
"Black Jester!"
"...Außenverkleidung,
was ist denn das?!"
Der Autobot rieb sich
die Optik, in der Hoffnung, daß es nur eine vorübergehende Fehlfunktion
in seinen visuellen Systemen sei. Es war keine, seitenweise ratterten Reihen
von Zahlen über den Zentralmonitor.
"Konten", antwortete
Lunatraan.
"Konten?"
"Einkaufskonten, Verkaufskonten,
Kostennebenstellen... die gesamte Buchhaltung der Quintessons - ausführlich
und übersichtlich", bestätigte der Computer. "Soll ich dich in
die Grundlagen ordnungsgemäßer Buchführung einweisen?"
Black Jester machte
wilde Abwehrbewegungen.
"Gnade!" meinte er entsetzt.
"Die meisten meiner Speicher werden immer noch vom Inhalt der Verfassung,
sonstiger Gesetze und von diversen Präzedenzfällen vereinnahmt,
von denen ich die meisten am liebsten schon längst vergessen hätte.
Verschone mich also bitte mit Handelsrecht, mein Platinspulchen."
Das Licht im Kontrollraum
flackerte etwas. Es war nur eine der gewohnten Spannungsschwankungen. Aus
einer Versorgungsleitung an der Decke tropfte in gleichmäßigem
Rhythmus Kühlflüssigkeit. Ein Umstand, den hier schon lange keinen
mehr störte.
"Ich werde die ausgewerteten
Daten jetzt zur Übertragung vorbereiten", erklärte Lunatraan
ein kAsec später.
Black Jester, kurz davor
gewesen auf seinem geliebten Sessel in Regenerationsmodus überzugehen,
mußte sich festhalten, um nicht vor Schreck von seinem Platz zu rutschen
und mit dem Hinterblech anderthalb Meter tiefer aufzusetzen.
"Was willst du tun?!"
fragte er ungläubig und angelte nach seinem auf den Boden gefallenen
Hut.
"Die Daten zur Übertragung
auf den Planeten vorbereiten", wiederholte der Computer, von der Reaktion
des Transformers leicht verwirrt. "Immerhin handelt es sich um eine wichtige,
historische Entdeckung."
Black Jester nickte
brummend, rückte seinen Sessel zurecht und fing an auf der Tastatur
vor sich herumzutippen. Lunatraan schwante nichts gutes.
"Was tust du da?" fragte
sie. Ihre weiche Frauenstimme klang ziemlich nervös.
"Rate, Goldkondensatorchen",
kam als wortkarge Antwort.
"Du löschst die
Daten der Sonde aus meinen Speichern!" erkannte der Computer. "Aber wieso..."
Irgendwo in einem Seitengang
brannte mit einem leichten Zischen wieder mal ein Leuchtelement durch.
Die Anzeigen auf den
Nebenschirmen zeigten Jester, daß seine Aktion erfolgreich gewesen
war.
"Lunatraan, du Traum
meiner regenerationsmoduslosen Ruheperioden, man merkt, du kennst das wahre
Leben nicht." Er stützte sich mit den Ellenbogen auf die Konsole und
legte die Fingerspitzen aneinander. "Schicken wir die Daten, glauben ein
paar besonders schlaue Idioten, daß hier noch mehr verschüttete
Informationen zu finden seien. Dann kommen die hier hoch und fangen an,
meinen so sorgsam gestalteten Durcheinander umzuwühlen. Dann, Titaniummäuschen,
ist es mit unserer Ruhe vorbei..."
Er stand auf, zog die
Quintesson-Datenkristalle aus der Peripherie und setzte sie sorgsam Stück
für Stück wieder in den Tornister.
"Was machst du jetzt
damit?" wollte Lunatraan wissen. Ein leichtes Bedauern schwang in der Frage
mit.
"Das, was man mit solchen
archäologischen Funden zu tun pflegt, Silberspulchen", antwortete
der Autobot, während er das kristalliene Behältnis verschloß.
Er nahm das Fundstück
unter den Arm und machte sich auf den Weg.
Die Melter Omicron rastete
ein. Mit einem leisen Klacken schloß sich die Abdeckung der Ladekammer
im Oberschenkel.
Black Jester trat einen
Schritt zurück, um sich sein Kunstwerk zu betrachten - eine saubere
Schweißnaht. Die Kernkammer war wieder versiegelt. Er grinste zufrieden,
während er sich den ewig von der Decke rieselden Roststaub von der
Außenverkleidung wischte.
War er nicht der geborene
Heimwerker?
Vielleicht würde
irgendwann mal wieder jemand auf die Idee kommen, seine neugierige Nase
in den Kern des Mondes zu stecken. Aber bis dahin würden hoffentlich
noch einige GAsecs vergehen.
Noch einmal lauschte
er dem Orchester, daß leise in seinem Kopf zu musizieren schien.
Irgendwie konnten sich die Musiker nicht darüber einigen, das Lied
vorwärts, rückwärts oder alle Noten auf einmal zu spielen...
Dann schlenderte Black
Jester gemütlich von dannen, kickte hier und da ein paar herumliegende
Schrotteile aus dem Weg und summte einen Song, der von hundertdreißig
TAsec mal auf Platz eins der Charts gewesen war. Das Lied stammte von einem
gewissen Blaster...